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Quo vadis, TSV?

Der TSV Södel steigt nach dem Aufstieg wohl prompt wieder ab. Ein Abstieg den man normalerweise verschmerzen kann, muss man sich doch die Frage stellen, ob die Landesliga für die Södeler  wirklich das Richtige ist. Die Meisterschaft wollten viele – den Aufstieg nicht alle. Sei‘s drum.

Die Meisterschaft war schön - ein „kontrollierter“ Abstieg wäre also kein Beinbruch gewesen. Man hätte mit Spaß die Landesliga-Saison gespielt, mit diebischer Freude eine paar Punkte geklaut und wäre dann wieder in die heimische BOL zurückgekehrt. Jetzt scheint es leider ein Jahr voller Pleiten, Pech und Pannen zu werden. Und anstatt mit einem Augenzwinkern kehrt man zerfleddert in Lumpen und Loden zurück. Schade.

Vor einigen Wochen korrigierte sich Bernd Walter einmal  in der „Wetterauer Zeitung“ und sagte: „Ich möchte nicht den Verein TSV Södel verändern, sondern mithelfen, dass der Verein wieder erfolgreich wird“.

Richtig so, Bernd! Es ist nicht die Aufgabe eines Trainers, den Verein zu ändern. Dafür gibt es andere.  Richtig ist aber auch, dass  der Verein erst dann wieder in die Erfolgsspur kommt, wenn sich was ändert.

Denn blickt man hinter die Kulisse beim TSV rumort es nicht nur in der Landesliga-Mannschaft:

Die II. Mannschaft ist aus der B-Klasse abgestiegen und dümpelt auch in der C-Klasse am Tabellenende herum.  Die 3. Mannschaft wurde vor Jahren zurückgezogen; die damalige Reserve rückte später in die D-Klasse auf. Sportlich ist es nicht so toll - man hat zwar noch nie ein Spiel in der D-Klasse gewonnen – aber wenigsten ist die Stimmung gut.

Und die Frauenmannschaft? Ach ja – die gab es auch mal. Dieses Problem hat man aber (auf)gelöst.

Das alles ist gar nicht so aufgefallen? Dann hat man wohl nicht aufgepasst. Denn die 1. Mannschaft war jahrelang nicht nur das Aushängeschild, sondern lieferte gleichzeitig auch den Erfolgsteppich unter den alle Probleme gekehrt werden konnten. Der war dick - da war Platz. Das war bequem und machte keine Arbeit. Erfolg heiligt die Mittel.

Die Södeler Handballer der Jahrgänge 1980/81 gehören seit mehr als 10 Jahren zu den Arrivierten in der heimischen Handballszene. Weil sich in dieser Zeit kaum was tat, ging  die Aufstellung meist locker über die Lippen: Lind, Hofmann, Ohly, Roth, Mager, Krahn. Die 80/81 halt. Hitzel gehört auch zu diesen Jahrgängen - kam aber vor einigen Jahren aus Münzenberg. Steube beerbte im Tor das Urgestein Kammer und hier und da kam einer von Auswärts.

Manche nennen das Kontinuität - andere Stillstand. Beides ist wohl richtig: In diesem Jahrtausend haben mit Steube und Witzenberger gerade mal zwei Södeler den Sprung aus der eigenen Jugend geschafft. Und dass ist auch schon wieder 7 verflixte Jahre her. Und jetzt verlässt Steube auch noch gefrustet den Verein.

Und die 80/81er sind leider im Herbst ihrer Handball-Karriere angelangt. Beruf, Familie sowie der Verschleiß nach mehr als einem Dutzend Jahren bei den Aktiven fordern ihren Tribut und reduzieren die Truppe zwangsläufig. Einige werden wohl ihre Laufbahn beenden, andere werden oder sind schon kürzer getreten.

Das scheint man nicht akzeptieren zu wollen. Und zu allem Überfluss hat man noch nicht einmal erkannt, dass man es in der derzeitigen Mannschaft nicht mehr mit dummen Buben sondern mit erwachsenen Männern zu tun hat. Die haben jahrelang die Knochen für den Verein hingehalten, sind Meister geworden und haben Respekt verdient. Und wollen nicht mehr für dumm verkauft werden.

Wo aber ist der Nachwuchs geblieben?  Es gibt doch im Södeler Handball reichlich Jungen und Mädchen – nur oben kommt halt nichts an. Das ist seit Jahren so - geändert wird nichts. Jugendleiter  gab es reichlich. Aber sie wurden nicht unterstützt sondern verschlissen. Was an Spielern fehlt, wird plötzlich wieder von anderen Vereinen rekrutiert. Die sind dann auch pflegeleichter.

So erhöhte sich der „Ausländer-Anteil“ in den letzten Jahren wieder schleichend. Stand im Kader 2001 nur ein „Ausländer“, war es zu Beginn dieser Saison 2010/2011 schon wieder 8. Es kam dieses Jahr sogar vor, dass kein einziger Södeler in der Anfangsformation stand! Auch hier hätte der Erfolg die Mittel wohl geheiligt – hat er aber nicht, weil er ausblieb.

So war es auch in den späten Neunziger – und auch damals schlitterte der Verein in die Krise. Aber damals hatte man halt diesen starken Jahrgang. Diesmal nicht! Deshalb wird man auch in naher Zukunft auf Auswärtige setzen müssen – aber dann muss es auch passen. Rein in die Kartoffel und raus aus den Kartoffeln wie dieses Jahr kann man sich nicht mehr erlauben. Und man braucht nicht nur Masse sondern eben auch Klasse.

Auf die eigene Jugend zu setzen ist ohne Wenn und Aber der richtige Weg. Aber auch die brauchen Zeit. Das war bei den 80/81ern nicht anders. Doch weil das Umdenken mitten in der Saison kam, kann von langfristiger Planung keine Rede sein. In diese Bild passt auch die plötzlich geplante Spielgemeinschaft. Da wird man das Gefühl nicht los, dass es nicht mehr als ein Alibi ist. Da sollen die Fehler wohl wieder unter den berühmten Teppich gekehrt werden.

Doch dieser ist nach den Misserfolgen der laufenden Saison löcherig geworden. Und weil die Probleme dort schon ein paar Jahre liegen, kommen die nicht nur an die Oberfläche sondern es muffelt darunter jetzt auch gewaltig. Das musste früher oder später so kommen. Es kam halt früher.

Klar – nach so vielen Jahren im gleichen Trott nutzt sich vieles ab. Das ist völlig normal und lässt sich selten verhindern. Deshalb braucht Fortschritt meist auch Veränderung. Das trifft in diesem Falle wohl zu. Deshalb muss auch der Neuanfang her. Und da muss halt auch Platz gemacht werden.

Und glaubt man Bernd Walter in der WZ, suchte er ja eben eine solche Herausforderung. Und hier schließt sich halt der Kreis. Denn Bernd Walter musste in der WZ nichts richtig stellen, denn er hat ins Schwarze getroffen. Vielmehr muss er hier eine führende Rolle spielen und mitarbeiten den Verein zu ändern. Der Verein – und nicht Einzelne – ist gefordert. Es geht hier auch nicht nur um die 1. Mannschaft sondern um eine nachhaltige Neuausrichtung die sowohl aktive als auch passive, junge und alte Mitglieder umfasst. Denn auch im Vereinsleben ist in den letzten Jahren vieles auf der Strecke geblieben.

Natürlich hat die 1. Mannschaft als Aushängeschild und Vorbild eine entscheidende Bedeutung. Dadurch kommt Bernd Walter automatisch eine wichtige Rolle zu. Deshalb kann er sich kritische Äußerungen erlauben und muss nichts klarstellen. Er hat den Sachverstand und die Erfahrung. Was ihm fehlt, ist vielleicht die Vereinsbrille und Eitelkeiten. Und das ist gut so.

Der Lauf der Dinge konnte Änderungen nicht verhindern. Meistertrainer Thomas Bley warf freiwillig hin – Spieler kamen und gingen. Jetzt gilt es, die nächste Stufe in Angriff zu nehmen und Veränderungen nicht dem Zufall zu überlassen sondern geplant herbeizuführen.

Da ist der Trainer ein wichtiges Teil großen Puzzle. Aber halt nicht das einzige.  Die anderen Teile gilt es nun zu finden. Und zwar sofort! Damit der Verein schnell wieder in die richtige Spur kommt.

Reiner Guthier